Freitag, 6. Januar 2012

Aufwärts...


Langsam wird es wirklich besser, an allen Fronten. Ich weiss nicht so richtig, wo die Veränderungen angefangen haben, aber es kann durchaus sein, dass die Kombination von mehr Thyroxin und neuen Depripillen Wirkung zeigt. Die ersten Tage, also zwischen Weihnachten und Neujahr, hätte ich im Stehen einschlafen können, bin mittags kaum aufgewacht und war auch sonst total durch den Wind, und auch jetzt noch bin ich nach 12 Stunden so müde, dass ich am liebsten mit ‘Frida zusammen ins Bett gehe.

Aber wenn man daran denkt, dass ich drei, vier Jahre fast keine Nacht durchgeschlafen   habe,kann das ja nur gut sein. Seit Oktober also durchgeschlafen und jetzt die Serotonumlenker oder was das ist noch dazu, da basteln sich die Synopsen bestimmt schön langsam wieder gesund. Von einem Moment auf den anderen geht das ja auch nicht. Die Grübelei ist auch besser geworden.

An der Arbeitslage kann ich eh nichts ändern *seufz*, das baldige Verschwinden meiner lieben Kollegen liegt mir immer noch schwer im Magen (im wahrsten Sinne des Wortes übrigens), Tiita ist immer noch ein totaler Wirbelwind, aber auch total lieb und süss, und Männe ist ganz anders, als ich das dachte. Seitdem ich nicht mehr von diesen inneren Ameisen geärgert werde und am liebsten wegrennen und mich verkriechen würde, ist es zwischen uns und in der gesamten Familie auch viel besser geworden.

Ha, ich erkenne sogar glasklar die Situationen bei Tiita und Mika,wo ich früher ausgerastet ware, aber jetzt hebe ich einfach den Haalari hoch oder wart emit dem Abwasch, bis wir eben Zeit dazu haben, so wild ist das ja nun auch wieder nicht. Und genau diese Sachen konnte ich vor ein paar Wochen noch nicht, da war ich mit allem total überfordert und sogar die kleinste Handregung war zuviel, ich konnte einfach nichts machen, auch wenn ich mich noch so viel anstrengte und dann schob ich die Schuld auf alle anderen hier und machte sie und mich total hysterisch. Unglaublich. Typisch für Depressionen übrigens, obwohl das gar nicht mit dem übereinstimmt, was man als Laie dafür hält.

Eigenartig, was monatelanger Schlafentzug und Überforderung anrichten können…  Mit Männe war ich letzte Woche einmal mittag essen, wir schwiegen uns mehr an als alles andere, machten uns Vorwürfe und einer war betretener als der andere. So wie ein Schlussspiel irgendwie. 
Vor der Bibliothek hauten wir uns noch dämliche Dinge um die Ohren. Die mir eigentlich selber albern vorkamen, das war wie ein Streit unter Dreijährigen. “Aber Du wäschst nicht ab!” und “Wieso war Dein Handy schon wieder aus?“ und "Du hast an dem Tag doch… “  Moment mal,  das würde jeden Aussenstehenden Lachtränen in die Augen treiben.

Immer wieder musste ich an die Paare denken, die sich schon getrennt haben, an unsere Frida und an Deutschland und an Nelson. Unter Depressionen soll man auf keinen Fall weitreichende Entscheidungen treffen, keine Scheidung, keine Hochzeit, kein Urlaub und ähnliches, sagt das Netz, weil es unter falschen Voraussetzungen geschieht. Ganz wichtig. Und dann rief ich Mika weinend an und entschuldigte mich. Was hat uns nur so weit gebracht? Am nächsten Tag hatten wir die erste Paartherapie-Sprechstunde und da gingen wir schon Hand in Hand hin. Klar weiss ich, dass wir auch wirklich oft ernste Probleme haben, aber mal objektiv betrachtet ist es ja nun wirklich nicht so schlimm.

Fast zwei Stunden redeten wir mit der Frau, Männe sprach auch total viel, man liess uns ausreden und gemeinsam überlegen und nahm alles Ernst, obwohl das erst das erste Palaver ist bei dem es eigentlich nur darum geht, ob man solche Servicescheine für die richtige Beratung bekommt oder nicht (danke, liebes finnisches Sozialsystem). Aber das hat auch schon total viel geholfen. Dass sich Männe mal traut (!) und sich Zeit nimmt, seine Meinung zu sagen. Dass ich über alles sprechen darf, dass ich sonst nur in mich reinfresse oder mit dem ich meine Blogleser nerve.

Ein, zwei Sätze sind mir im Gedächtnis hängengeblieben. Erst ziemlich spät fiel mir z.B. ein, dass ein bisschen daran liegen könnte, dass wir eine zweisprachige und zweikulturige Familie sind. Ja klar, wenn der eine den anderen nicht ganz versteht. Sprachlich und noch viel mehr was Umgangsformen, Erwartungen, Höflichkeit usw. angeht. Über unsere Freunde sprachen wir auch, und die Frau sagte, dass ich doch bestimmt relative einsam bin, und dass Mika viel ersetzten muss, was sonst Freundinnen machen würden. Ja, stimmt!

Das ist mir auch selbst nicht immer so klar. Aber auch kein Wunder, wenn die Mädels hier keine eigenen Autos haben *grumpf* und es eeeewig braucht, bis man mal Freundschaften schliesst, die dann aber auch total oberflächlich bleiben. Bei uns gehen für meinen Geschmack auch viel zu wenig Leute ein und aus. Und die Frau fragte mehrmals, ob es wirklich nur um das Saubermachen geht. Jaaa, eigentlich schon… denn freundlich und redselig ist der Finn ja, wenn ich selbst auch gut gelaunt bin *geradefestgestellthab*. Ja, also nur darum? Wie albern ist das denn???

Vor allem, da wir seit diesem Herbst wirklich abends viel Freizeit haben und endlich die berühmte Grundordnung geschaffen haben.
  Ja, aber… stinker…muffel… was denn noch?  Ja nix, gar nix, wir hatten uns im ganzen Babystress nur angewöhnt uns anzumaulen und so den Frust loszuwerden. Und irgendwie ist es ständig dasselbe, wir drehen uns im Kreis... Die Frau guckte uns an und sagte, dass bei uns noch Hoffnung sei, weil wir noch über unsere Probleme lachen können. =) Jihaaa! Kein Fremdgehen, kein Vertrauensverlust und so etwas. Stimmt, er ist immer noch mein bester Freund  - und ehrlich gesagt, ist es ein Wunder, das er mich hysterische Meckerzicke ein ganzes Jahr lang ertragen hat.

Dann hat der liebe Finn auch noch seinen ollen Bart abrasiert und sieht so aus wie als wir unseren Hund noch hatten *freu* Nelson fehlt überhaupt, früher hat er sich immer zwischen uns gestellt, wenn wir gestritten haben *lach* Vielleicht hat es bei mir mit Burnout und Depressionen (b
eide haben übrigens sehr ähnliche Symptome) angefangen, als Nelson gegangen ist. Oder nach Tiitas Geburt, das waren ja die ersten Tage und Wochen, wo mir einerseits die Decke auf den Kopf fiel, ich aber nur noch pedantisch durch die Wohnung raste und aufräumte bzw. von einer Aktivität zur anderen hetzte. Verschleppte postnatale Depri? Bisher hatte ich ja noch nicht einmal Zeit, darüber nachzudenken.

Zumindest habe ich jetzt zum ersten Mal seit Monaten, gestern und heute, so ein warmes zufriedenes Gefühl im Bauch, zufrieden mit unserer Wohnung, stolz auf unsere Lichter draussen im Baum, ganz ruhig mit Tiita und Mika, stolz auf die grossen dunklen Tannen draussen, glucklich über die tiefen, zugefrorenen Seen und mit einem Lächeln auf dem Gesicht angesichts der -15 Grad morgen – genau dieses zufriedene Gefühl hatte ich wirklich monatelang schon nicht mehr, vielleicht zuletzt Anfang 2010 oder in Lappland letztes Jahr oder so oder noch früher. 

Wäre schön, wenn das jetzt bleibt.
  Dieses andere, dieses Wegrennpanikgefühl, diese miese Laune und ständige Unzufriedenheit mit sich selbst und allen anderen hält ja keiner aus. Vor allem nicht meine Umgebung. Also, lieber müde jetzt aber mit heilen Nerven und heilender Fröhlichkeit. *hoff* Und sorry, wenn das jetzt sehr persönlich ist, aber vielleicht hilft das jemandem (mir auch...) und vielleicht hätte ich viel früher mal zum Doc gehen sollen.

Kommentare:

  1. Ich wünsche Euch alles Gute. Das mit der Paartherapie war sicher ein richtiger Schritt, weiterhin viel Erfolg!

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  2. Das hört sich ja alles soo schön an, ich freu mich so für euch.
    Seit Hugo/Fridas Geburt lese ich hier still mit, und in letzter Zeit hast du mir so sehr leid getan, mit deinem schweigsamen Finn und dem kaspernden Finnenkind. Man merkte deutlich, wie überfordert du warst.
    Ich freue mich ehrlich, dass du jetzt offensichtlich die Kurve kriegst und alles besser wird.
    Auf dass es immer weiter bergauf geht. Ich drücke dir und deinen Lieben ganz fest die Daumen

    Liebe Grüsse aus Bremen
    Kerstin

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